Steter Tropfen höhlt den Stein. Dieses Sprichwort passt in den letzten Tagen gut zum US-Dollar: Er ist nicht auf einen Schlag eingebrochen, sondern leise auf ein Drei-Monats-Tief abgerutscht. Der USD-Index fällt bereits die dritte Sitzung in Folge, und der Grund ist ein Klassiker – der Markt glaubt nicht mehr an eine Anhebung des Federal Funds Rate.
Händler haben die Wahrscheinlichkeit einer strafferen Geldpolitik im September auf eins zu drei reduziert, während sie Ende Juli noch über 75% lag. Schwache Beschäftigungs- und Inflationsdaten für Juli sowie unerwartet verhaltene Einzelhandelsumsätze haben dem US-Dollar sein Hauptargument genommen – das Vertrauen in die eigene Stärke.
Ausblick für den Federal Funds Rate

Doch es ist zu früh, den Greenback abzuschreiben. Brown Brothers Harriman ist der Ansicht, dass robustere Konjunkturdaten dem Dollar seinen Glanz zurückgeben könnten, sofern sie den Wachstumsvorsprung der US‑Wirtschaft bestätigen. Mögliche Katalysatoren gibt es in dieser Woche genug: Am Mittwoch werden die Protokolle der FOMC‑Sitzung vom Juli veröffentlicht, und am Freitag stehen die globalen Einkaufsmanagerindizes (PMI) an. ING warnt allerdings, dass es für den Markt schwer werden dürfte, wieder eine bullische Haltung gegenüber dem USD einzunehmen, falls die FOMC‑Protokolle darauf hindeuten, dass der zinspolitische Ausschuss bereit ist, die Zinsen auf absehbare Zeit unverändert zu lassen.
Der Terminmarkt bleibt skeptisch: Monatskontrakte haben sich erstmals seit Ende Februar gegen den US‑Dollar gedreht, auch wenn länger laufende Kontrakte weiterhin Optimismus widerspiegeln. HSBC stellt nüchtern fest, dass der Weg für den Greenback holprig zu werden verspricht.
Früher stützte Öl den USD‑Index, doch auch diese Säule wankt – Brent steckt in einer Spanne von 80 bis 90 US‑Dollar fest. Tatsächlich sind die Liefermengen aus dem Nahen Osten deutlich größer als gemeinhin angenommen. Tanker verladen ihre Fracht still und leise im Golf von Oman um und umgehen so die offiziell blockierte Straße von Hormus; nach Angaben von Marktteilnehmern übersteigen die Volumina die gängigen Schätzungen um rund 4 Mio. Barrel pro Tag. US‑Energieminister Chris Wright beziffert den Transit durch die Straße von Hormus auf 9 Mio. Barrel täglich – nahezu die Hälfte des Vorkrisenniveaus von 20 Mio. Barrel pro Tag. Diese diskrete Logistik hat die Märkte vor dem Schock bewahrt, den viele im Falle einer Eskalation des Iran‑Konflikts befürchtet hatten.
Die Inflation hängt vom Ölpreis ab, die Inflation bestimmt die Zinsen, und die Zinsen entscheiden über das Schicksal von EUR/USD. Goldman Sachs Research prognostiziert für das vierte Quartal 2026 ein Wachstum des US‑BIP von 2,1 %, eine Arbeitslosenquote von 4,4 % zum Jahresende und eine Fed‑Funds‑Rate von 3,5–3,75 % bis zum Jahreswechsel. Für den Euroraum wird ein moderates Wachstum von 0,8 % erwartet, doch Goldman geht davon aus, dass die EZB im September dennoch um 25 Basispunkte nachlegt und ihren Leitzins auf einen Spitzenwert von 2,5 % anhebt – mit Risiken, die eher in Richtung einer weiteren Straffung weisen.

Damit ergibt sich eine interessante Konstellation: Die Fed legt eine Pause ein, während die ECB den Zinspfad weiter nach oben fortsetzt. Diese Divergenz würde auf den ersten Blick den Euro begünstigen. Aber wird der Markt das schon vor Mittwoch und Freitag einpreisen?
Aus technischer Sicht setzt EUR/USD im Tageschart weiterhin ein Wolfe-Wave-Muster um, mit Kurszielen oberhalb von 1,200. Ein Schlusskurs über dem oberen Band der Fair-Value-Spanne (1,141–1,158) würde es erlauben, Long-Positionen, die ab 1,154 eröffnet wurden, aufzustocken.
